“We need you”: Flüchtlinge arbeiten ehrenamtlich

Hilfsbedürftige werden zu Helfern: Das Projekt „We need you“ in Stuttgart vermittelt Flüchtlinge, die sich ehrenamtlich engagieren wollen. Für einige ist es der erste Schritt ins Berufsleben.

Immer wieder wird von den zahllosen ehrenamtlichen Helfern berichtet, die sich seit Monaten für Flüchtlinge engagieren. Doch was passiert, wenn Flüchtlinge selbst ehrenamtlich aktiv werden können? Das Projekt „We need you“ vermittelt Freiwillige an verschiedene Einrichtungen. In den vergangenen Monaten unterstützten Flüchtlinge die Arbeit im Seniorenzentrum und Jugendhaus, in der Grundschule, der Kirchengemeinde oder Vereinen.

Initiatorin Stephanie Reinhold ist die stellvertretende Bezirksvorsteherin von Plieningen und Birkach in Stuttgart. Sie betreute das Projekt mit dem Freundeskreis Flüchtlinge Plieningen-Birkach nicht nur, sondern hat zum Thema auch ihre Masterarbeit im Studiengang Public Management verfasst. Dafür ging sie der Frage nach, wie durch ehrenamtliches Engagement Neuankömmlinge besser in die örtliche Gemeinschaft integriert werden können.

„Viele schreien nach Integration. Doch damit die gelingt, müssen wir die Türen aufmachen.“ Das Ehrenamt sei dafür perfekt geeignet. Die Flüchtlinge können so unkompliziert lernen, was im Arbeitsalltag wichtig ist: verbindliche Zu- oder Absagen, Pünktlichkeit, Verlässlichkeit. „Es ist eine Win-Win-Situation.“ Beide Seiten profitieren.

Keiner soll sich ausgenutzt fühlen

Reinhold ist glücklich über die zahlreichen Begegnungen zwischen Flüchtlingen und Bevölkerung. Dadurch  haben die Flüchtlinge nicht nur die Gelegenheit, Deutsch zu üben. Die ehrenamtliche Hilfe kann zudem ein entscheidender Schritt ins Berufsleben sein.

Wichtig für die Flüchtlinge sei es, Kontakte zu knüpfen, auch fernab der Unterkunft. „Sie werden sichtbar in der Gemeinde.“ Vorbehalte und Ängste vor den „Fremden“ werden so abgebaut. „Wenn Leute die Flüchtlinge kennenlernen, merken sie schnell, ach, das ist ja ein ganz netter Kerl.“ Viele beginnen „ihre“ Flüchtlinge zu unterstützen, helfen ihnen, weitere Arbeit zu finden, eine Ausbildungsstelle oder einen Praktikumsplatz, beobachtet Reinhold. Zwei der elf ehrenamtlichen Helfer haben dank „We need you“ mittlerweile einen Arbeitsvertrag, erzählt sie. „Ich finde, das ist eine Superquote.“

Die Flüchtlinge sollen sich nicht ausgenutzt, sondern gebraucht fühlen. „Sie bringen etwas mit, was in ihrer neuen Umgebung geschätzt wird. Es ist ihr erster Beitrag für die Gesellschaft und sie verstehen es als eine Investition in ihre Zukunft“, erklärt Reinhold. Dabei solle niemandem etwa „übergestülpt“ werden. „Wir haben versucht, für jeden etwas Passendes zu finden.“ Zu Beginn wurden die Interessierten gefragt: Welche Fähigkeiten habt ihr? Was sind eure Hobbies? Was macht ihr gerne? Dabei spielte auch eine Rolle, in welchem Bereich die Flüchtlinge in ihrem Herkunftsland gearbeitet haben. Der Gambier Bori Maneh etwa ist gelernter Gärtner. Zusammen mit zwei anderen Gambiern pflanzte er Gemüse auf der Dachterrasse eines Seniorenzentrums an. Dank seiner zuvor ehrenamtlichen Hilfe absolviert er seit Februar dort nun als Haushelfer den Bundesfreiwilligendienst. Eine junge Nigerianerin leitete im Jugendhaus einen Tanz-Workshop. Ein Fischer hilft auf einem Bauernhof bei der Betreuung einer Aquaponik-Anlage.

Flüchtlinge will Reinhold auch nach der Verabschiedung ihrer Masterarbeit in verschiedenste Ehrenämter vermitteln. „Das bürgerschaftliche Engagement kann eine Brücke sein. Raus aus der Unterkunft, rein in unser gesellschaftliches Leben“, ist sie sich sicher. Andere Gemeinden sind ebenfalls interessiert an dem Konzept und denken darüber nach, die Idee aufzugreifen.

Foto: “We need you”

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